Das Verrückte ist, je konformer sich die Menschen kleiden, desto deutlicher fallen die Unterschiede auf. Die Nonnen sind alle kahl, tragen meistens ihre braunen Kutten und bis auf Miriam sind sie alle aus Taiwan oder China. Eine sehr magere Nonne fällt durch ihre hakige Nase und stets heruntergezogenen Mundwinkel auf. Sie bewegt sich zackig und abgehackt. Für mich hat sie spitze Blicke parat und motzt, wenn ich falsch abwasche. Die ebenso übel gelaunte wie dicke Küchenchefin fällt durch ihr lautes Gezeter auf. Dann klappert sie ärgerlich mit dem Geschirr, wiegt ihren Kugelkörper hin und her und nörgelt an Miriam herum.

Ich habe zwei Lieblingsnonnen. Leider kann ich mir die chinesischen Namen überhaupt nicht merken. Es geht einfach nicht. Die eine trägt am liebsten ihre Kutte in lila. Sie ist richtig rund und fällt dadurch auf, das sie ständig isst und großzügig teilt. Sie schält mir abends acht Pomelos und freut sich, wenn mir die Sauce die Finger runter läuft und ich wieder und wieder zum Waschbecken laufen muss. Danach bringt sie mir Schokolade und Gebäck. Mit großem Appetit sitzt sie vor und nach den Mahlzeiten am Holztisch im Garten. Wenn Miriam und ich im Garten plaudern, wirft sie manchmal hinterrücks einen Pappkarton voll Kuchen oder Sesamriegel auf den Tisch und dann lacht sie mit dem ganzen Körper und freut sich wie ein Baby, wenn ich sofort zugreife und außer ihr da noch jemand Spaß hat am Essen. Sie sagt, ich sähe aus wie ein amerikanischer Filmstar, dann lacht sie wieder so herrlich mit dem ganzen Körper und macht mich nach, wie ich so mit übereinander geschlagenen Beinen da sitze. Übereinander geschlagene Beine, das geht hier nämlich eigentlich gar nicht. Nur die Unterschichtfrauen sitzen hier so – oder eben amerikanische Filmstars. Man lehnt auch nicht an der Wand. Und auf den Boden setzt man sich auch nicht. Ich mache Faxen und führe lauter Sitzpositionen vor, wie sie ja eigentlich gaaaar nicht gehen. Lautes Gelächter. Miriam erzählt, ich sei nicht nur Lehrerin, sondern sogar Lehrerin für Lehrer. Lehrer sind in Taiwan sehr hoch angesehen. Und wenn einer Lehrer für Lehrer ist, dann ist das was noch Besseres. Und Lehrer heißt sowas wie „Laoschi“. Sie sagt immer: „Laoschi de Laoschi“, Lehrer für Lehrer. Und ich mache sie nach und sage: „Laoschi de Lauschu“. Da bricht sie fast zusammen vor Lachen. Denn ich habe das zweite Wort falsch ausgesprochen. „Lauschu“ heißt Ratte. Ich habe Lehrer für Ratten oder sowas gesagt, statt Lehrer für Lehrer. Ich mache mit meinen Vorderzähnen ein Rattengesicht, sie lacht und erzählt mit Tränen erstickter Stimme von einem YouTube-Video, in dem eine Katze von einer Ratte angegriffen wird. Die Welt stehe Kopf, jetzt werden Katzen schon von Ratten angefallen. Die arme Miriam muss diesen ganzen Unsinn immer wieder übersetzen! Und ach, es ist schon nach acht Uhr. Alle verpassen heute die Abendmeditation.Die lila Nonne will unbedingt ein Foto von mir machen, streichelt über mein Gesicht und macht mir lauter Komplimente.

Meine andere Lieblingsnonne hat ein weiches Gesicht, wie ein Kind, eine zarte Stimme, trägt eine Nickelbrille und hat immer ihr Häkelmützchen auf. Als ich draußen Blätter fege und es mal wieder anfängt zu regnen, eilt sie herbei und leiht mir ihren Chinesenhut mit breiter Krempe. Sie ist gut in Kalligraphie und malt mir auf Japanpapier ein Bild: eine Orchidee, mein Name und ein buddhistisches Mantra, in dem es um den klaren Geist geht, der sich wie Blumenduft in der ganzen Welt verbreiten kann. So oder so ähnlich. Die Schriftzeichen sehen toll aus. Es wird schwierig, das Bild heile nach Hause zu bekommen. Ein anderes Mal kommt sie in meine Kammer mit einer Tüte voll Tee, nach dem Essen bekomme ich eine Passionsfrucht geschenkt und ein anderes Mal ein Armband. Für die Meditation. Dann schenkt mir die lila Nonne auch ein Armband. Von der Zarten bekomme ich einen Hand gefertigten Bambusunterleger und ein Lesezeichen – ebenfalls mit Blumenmantras drauf. Die Dicke schenkt mir drei Armbänder und eine rote Kette. Für die Tochter. Die Zarte schenkt mir noch zwei weitere Armbänder – für den Mann auch eins. Und einen Anhänger für meine Tasche. Die Dicke schenkt mir eine rote Kette. Für die Tochter und dann noch ein Holzarmband aus Lotusblumen und noch zwei Holzarmbänder. Auch für den Sohn. Puh. Mein Reisemotto hieß ja eigentlich „leichtes Gepäck“. Irgendwie habe ich das Gefühl, hier kontraproduktiv zu wirken. Ich scheine die Nonnen zu Völlerei, schlechten Manieren, unsinnigem Vergnügen und überflüssigen Geschenken zu animieren. Wird Zeit, dass ich abreise.

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