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Hoi An ist nicht nur die Stadt der bunten Laternen und der Schneider, vor allem ist sie die Stadt der Touristen. Wer Hoi An nicht gesehen hat, der hat Vietnam nicht gesehen, heißt es irgendwo, dasselbe wird über die Halong Bucht auch gesagt. Und dementsprechend macht hier jeder, also wirklich jeder, Station. Alle, die ich unterwegs treffe, bekommen leuchtende Augen, wenn ich nach Hoi An frage. Als hätten sie das Laternenmeer inhaliert. Ja, es ist hübsch, dieses Hoi An. Sehr hübsch sogar. Besonders in der Abenddämmerung, wenn Geschäfte, Restaurants, Bars, Boote und Brücken üppig mit tausend farbigen Lichtern prahlen. Dann tanzt es gelb und rot und orange auf dem Wasser und auch die Luft scheint bunt aufgeladen. Junge Paare stehen an der Brücke Schlange für ihr romantisches Foto. Man soll eine Kerze auf´s Wasser setzen in einer kleinen Pappschale. Oder sich in einem schmalen Kutter über den Fluss rudern lassen. Eine Laterne ist auch an Board. Versteht sich. Auf der anderen Seite des Flusses wummern Bässe aus Bierbars, Happy Hour rund um die Uhr, bunte Leuchtgeschosse werden verkauft und blinkende Fische am Stock, Computerbabystimmen singen „Twinkle, twinkle, little Star“, munteres Treiben. Tagsüber schlendert es sich entspannter durch die schmalen Gassen zwischen den kleinen Holz- und Ziegelhäusern. Die meisten sind im 19. Jahrhundert gebaut, Kolonialstil, im Inneren zum Teil noch älter, einige gehen bis auf´s 16. Jahrhundert zurück. Man muss sie wirklich finden wollen, die historischen Sehenswürdigkeiten der Altstadt, sie verschwinden unter ferner liefen in hippen Restaurants und dekorierten Souvenirläden.

Der Fluss Song Thu Bon tritt während der Regenzeit regelmäßig über die Ufer. Die anliegenden Häuser erleben fast so etwas wie Ebbe und Flut. Im historischen Tan-Ky-Haus sind Marken gesetzt, die zeigen, wie hoch das Wasser in den Jahren stand. 2017 ist weit oben. Noch vor drei Wochen wurden die Touristen in Booten durch die Gassen gefahren. Ich denke an Venedig. Es sind auch die Farben, Terrakottaböden, verspielte Jugendstilfliesen, Möbel aus dunklem Tropenholz von vorgestern. Merkwürdig, wenn Stock und Schimmel an den Wänden so entzückend scheint und das Morbide so lebendig wirkt. Die Touristen wollen das Alte. Das Schwelgen in der Schönheit des Vergangenen. Diese süße, warme Traurigkeit. Und manche wollen einfach nur eine neue Anlaufstelle für das nächste Selfie, Shopping- und Fresserlebnis. Das hat man hier verstanden und gut vermarket.

Spannend zu sehen, wie die Vietnamesen es in den letzten zwanzig Jahren geschafft haben, ihrer Stadt diesen Aufschwung zu geben. Besonders die Vietnamesinnen. Ich treffe vor allem geschäftstüchtige Frauen hier. Uys Cousine, die Schneiderin, die innerhalb von 12 Stunden Mantel, Kleid oder Anzug komplett nach Maß fertig nähen kann. Die Managerin des kleinen Hotels: Sie hat so müde Augen und ihr Englisch ist wirklich schlecht, doch wie charmant begrüßt sie ihre Gäste mit Namen, verwickelt jeden einzeln in ein sympathisches Gespräch. Ihr ganzer Rücken täte so weh, nachts kann sie nicht schlafen und morgens steht sie wieder freundlich lächelnd an der Rezeption und am Frühstücksbüffet. Und dann die vielen, vielen Verkäuferinnen in den Souvenirläden. Oft etwas übereifrig, bisweilen übergriffig, buhlen sie um Gunst und Geld der Schaulustigen. Die Frauen in den Garküchen auf der Straße, das junge Mädchen, das es schafft, mir für 30 000 Dong drei kleine, trockene Mango-Mochis anzudrehen, die Kellnerinnen im Restaurant, die der unwissenden Europäerin kichernd zeigen, wie köstliche Reispfannkuchen am Tisch gerollt und gegessen werden: Das Omlette mit frischen Kräutern, Mango und Gurkenstreifen in das feuchte Reispapier wickeln.

Die Männer fallen kaum auf hier, sie karren dicke Chinesen in Fahrrad-Rickschas herum, verkaufen Zeitungen oder Dampfnudeln. Zurückhaltender sind sie. Weniger auffällig, weniger aufdringlich.

In der Altstadt dürfen Motorroller nicht fahren, das ist sehr unvietnamesisch und sehr angenehm. Doch sobald man die Altstadt verlässt, um ins Hotel zu gehen zum Beispiel, da fahren sie wieder und hupen um die Wette. Und dann diese vielen, vielen, vielen, vielen Geschäfte. Jedes wie eine kleine Theaterbühne, die bis auf den Fußweg ragt und die Zuschauer ins Stück reinzieht. Das Auge findet keine Ruhe und der Kopf auch nicht. Ich möchte mal verschnaufen, den Strand sehen und denke, ein kleines Läufchen dahin wäre schön. Ich starte früh, hoffe auf Ruhe. Vergeblich. Sechs Uhr morgens scheint um Hoi An Hauptverkehrszeit zu sein. Man startet hier mit dem Sonnenaufgang. So laufe ich auf dem Seitenstreifen der Straße, rechts Reisfelder und grasende Wasserbüffel links Smog, Knattern, Hupen. Ampeln und Zebrastreifen gelten hier als Vorschlag, nicht als Vorschrift. Ich komme aber heile am Strand an. Es weht feuchter Wind, braune Wellen mit dreckigen Schaumkronen, abgerissene Bambusschirme. Verrottende Holzliegen zwischen Plastikmüll. Da gibt´s noch was zu tun. Denke ich. Aber diesen Leuten hier, den traue ich das zu. Die machen hier noch was draus. Dann laufe ich zurück durch den Abgasdunst und beschließe, von hier direkt nach Phu Quoc zu fliegen. Jetzt brauche ich mal richtig ruhige Luft. Sonne, Strand und Meer. Ho-Chi-Minh-City überspringe ich erstmal. Palmen, weißen Strand und blaues Meer. Bisschen Postkartenurlaub am Ende. Bilder vom Sonnenuntergang für die Fototapete machen.

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