Von Bangkok nach Taipeh sind es nur drei Flugstunden, ansonsten liegt dazwischen eine Welt. Taiwan ist auf meiner Reiseroute, weil dort meine Freundin Miriam wohnt. Wir kennen uns, seit wir zwei sind, sie ist nach ihrem Medizin- und Sinologiestudium buddhistische Nonne geworden, ich nach meine Deutsch- und Biologiestudium Lehrerin und Mutter. In E-Mails heißt Miriam Jianxiao Shi. Ich kann auch Simplicity oder Shiffu sagen. Weil sie im Kloster nur bis zehn Uhr Ausgang hat und mein Flieger später ankommt, holen mich ihre Freundin Huang Yu Fang und deren Mann vom Flughafen ab. Über Line schreibt Miriam: „Sie sind beide ziemlich klein, er hat weiße kurze Haare, sie etwas gewellte schwarze Haare.“ Als ich aus der Gepäckausgabe komme, erkenne ich sie sofort, das Schild mit meinem Namen darauf ist gar nicht nötig! Ich übernachte bei den beiden und sie bringen mich am nächsten Tag ins Kloster.

Die Fahrt ist steil und kurvig, das Kloster liegt recht abgeschnitten von der Außenwelt in den Bergen. Es regnet in Strömen, auf Phuket hatte ich 30 Grad, jetzt sind es 17. Es ist halb zwölf, ich komme pünktlich zum Mittagessen. Normalerweise wohnen zwanzig Nonnen hier. Heute sind aber nur fünf da, der Rest ist im Hauptkloster in Chung Thai. Shiffu wohnt hier in dieser Art Außenstelle des Hauptklosters. Sie ist im Moment für den Auf- und Abbau des Essens zuständig und erzählt dabei ein bisschen etwas zur Geschichte des Klosters. Vor ungefährt dreißig Jahren habe der Meister, der Gründer des Klosters, an dieser Stelle in einer Holzhütte gelebt. Es heißt, er sei erleuchtet. Mit der Zeit seien viele Gläubige zu ihm gekommen, haben sich wegen seiner Weisheit an ihn gewandt und sind ihm gefolgt. Später hat man die Hauptstelle in ein größeres Gebäude nach Chung Thai verlegt, das Zentrum ist so berühmt geworden, dass es um mehrere hundert Mönche und Nonnen angewachsen ist.

Ich helfe beim Aufdecken und soll schon mal Ananas in die Schale tun. Das sei für den Mönch. Ich schaue mich um und vermute, dass der hinter dem Altar ganz am Ende des Raumes sitzt. Es gibt auch Melonen und ich tue die zu den Ananas dazu.

„Der Mönch bekommt nur Frisches, die Melonen sind von gestern“, sagt Shiffu und legt die Melonen zurück. Sechs Reihen mit kleinen Klapptischen und Hockern stehen hintereinander. In den ersten beiden Reihen säßen die Mönche, dahinter nach Dienstalter die Nonnen. Die hinteren Bänken seien für Laien oder Besucher.

„Ich dachte, es gibt hier keine Mönche?“

„Das stimmt. Hier gibt es nur Nonnen. Deshalb bleiben die ersten beiden Reihen ja auch frei.“

Shiffu bereitet mehrere Schalen mit Essen vor und stellt sie zusammen mit der Ananas auf einen Tisch in der ersten Reihe. Hier steht der einzige Lehnstuhl im Raum. Für den Mönch.

„Und was ist mit diesem Mönch? Für den das Essen hier steht? Wo ist der überhaupt?“ Ich erfahre, dass dieser Mönch jetzt nicht wirklich hier erscheinen wird. Jedenfalls würden die meisten ihn nicht sehen. Es sei eine Tradition, den unsichtbaren Mönch zu bedienen. Es habe aber schon Menschen gegeben, die ihn gesehen haben. Zum Beispiel in Gestalt eines Inders mit Turban. Am Endes des Raumes steht vor einem weißen Altar eine kleine, goldene Buddhastatue. Das ist der Zunkunftsbuddha. Davor werden vor dem Essen Räucherstäbchen abgelegt. Um Punkt halb zwölf holt Shiffu zwei dicke Holzbretter und klappt sie immer wieder laut gegeneinander. Es folgt ein Gong. Das sind die Zeichen für das Essen. Essenszeit geht bis halb eins. Die Nonnen können in dieser Zeit kommen, wann sie wollen. Das Geschirr ist für Nonnen und Laien in verschiedenen Kisten getrennt. Während des Essens wird geschwiegen. „Achtsamkeit“, sagt Shiffu. Ich habe Zeit, von der letzten Reihe aus, den Raum genau zu betrachten. An den Decken sind grelle Leuchtstoffröhren. Der Fußboden ist aus Stein, die Klapptische mit Plastikfurnier überzogen und nummeriert. Meine Beine sind zu lang, di eKnie stoßen ständig an die Tischplatte. Peinlicher Kracht in der Andacht. Ich fröstele. Die Wolken draußen hängen im Berg und schließen das Kloster ein.

Eine Frau sitzt neben mir, sie sieht aus wie eine Nonne. Kahl rasiert, heute mit Häkelmütze wegen der feuchten Kälte, braune Kutte und Nonnenschuhe. Ich frage mich, warum sie trotzdem wie ich in der letzten Reihe sitzt. Sie stößt mich an und zeigt mir, wie die Reisschüssel zu halten ist. Mit der linken Handinnenfläche unter der Schüssel, Daumen am Rand. Sie macht es mir vor. Ich mache es nach. Sie schüttelt den Kopf, hält die flache Hand unter die Schüssel, Daumen am Rand. Ich mache es nach. Sie ist wieder nicht zufrieden. Ich soll die Schüssel näher an meinem Körper halten. Und die Schultern gerade. Ich mache das nach. Sie ist nicht zufrieden. Langsam wird mir das zu bunt, ich lache freundlich. Dann lacht sie auch.

Beim Abräumen bin ich für das Mönchs-Geschirr zuständig. Dafür gibt es zwei besondere Schwämme. Einen roten und einen grünen. Die dürfen nur für das Mönchsgeschirr benutzt werden. Der rote ist für die Glasschale, der grüne für Porzellan. Oder umgekehrt. Jedenfalls dürfen sie nicht verwechselt werden und sind nur für das Mönchsgeschirr. Das andere Geschirr darf damit nicht abgewaschen werden. In meiner Schüssel sind noch drei Reiskörner übrig. Die müssen aufgegessen werden. Es darf kein Essen mehr in der Schüssel sein am Ende. Wenn man etwas nicht mag, sollte man es sich nicht auftun. Denn alles muss aufgegessen werden, Nahrungsmittel werden nicht weggeschmissen. Das eigene Geschirr wird mit einem schwarzen Lappen ausgewischt. Ich werde aufgefordert, diesen bitte nicht im Becken liegen zu lassen. Während ich die Blechschüsseln spüle, bekomme ich Rückenschmerzen. Ich bin zu groß, das Spülbecken ist für kleine, taiwanesische Nonnen gemacht.

Nach dem Essen zeigt Miriam mir meinen Schlafraum. Es ist ein langer Schlauch, etwas sechs Meter lang und zweieinhalb Meter breit. Zwei riesige übereinander angebrachte Holzbretter verbinden die beiden Längsseiten und bilden so eine obere und eine untere Schlafetage. Die obere Etage steht voll mit Kisten. Die Zimmer der Nonnen sind nur sechs Quadratmeter, da brauchen sie Abstellflächen. Die untere Etage teile ich mir mit der Küchengehilfin.

Miriam zeigt mir die anderen Räume des Klosters. Der Meditationsraum wird nur barfuß oder auf Socken betreten. Die Schuhe müssen so ausgezogen werden, dass sie gerade nebeneinander stehen und vor allem muss die Spitze vom Raum weg zeigen. Miriam leitet mich zur Meditation an. Still sitzen und nichts denken. Verdammt, das ist hart. Ich zähle meine Atmung auf französisch, englisch, versuche auch italienisch und spanisch – bloß, damit ich nichts denke. Das gelingt schon, aber dieses regungslose Sitzen, das geht gar nicht. Ich bin total überfordert und sehr erleichtert, als es zu Ende ist. Fünfzehn Minuten habe ich immerhin durchgehalten. Es regnet immer noch. Die Wolken haben sich als feuchter Nebel träge in Berge und Bäume geheftet. Wird wohl noch eine Weile nass bleiben.

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