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Zwei Tage Hanoi waren fest gebucht, der Rest ist offen. Das Wetter in Sapa scheint laut Wetterbericht jetzt gut zu werden, die letzten Tage soll es komplett neblig gewesen sein in den Bergen, sagt André, der Barkeeper aus Frankfurt. Er arbeitet in der Bar gegenüber und hat sich den Ameisencocktail ausgedacht.

Der Ort Sapa liegt nordwestlich von Hanoi und ist logistischer Dreh- und Angelpunkt für alle, die in den Bergen wandern wollen. Nordvietnam hat vier Jahreszeiten und jetzt im Winter kann es dort schon empfindlich kalt werden. Nächte um null Grad sind keine Seltenheit. Eine schier unüberschaubare Anzahl von Anbietern offeriert geführte Touren. Ich buche meine Tour einfach über das Hostel: Morgens früh fünf Stunden mit dem Bus nach Sapa, zwei geführte Wanderungen, eine Übernachtung im Homestay und zurück nach Hanoi mit dem Nachtzug. Das sollte für den Anfang reichen, das Wetter soll dann auch wieder schlecht werden. Und wer weiß ob´s mir überhaupt gefällt.

Mit Sapa geht es mir wie mit Hanoi. Von Sekunde eins an liebe ich die Gegend. Von der oberen Etage des Busses schaue ich hinunter, wo sich Hmong-Frauen und Mädchen um den Ausgang scharen und die Ankunft der Touristen kaum erwarten können. Sie tragen bunte Turbane, Kopftücher und Gewänder, vor allem in indigoblau und pink. Auf dem Rücken tragen sie Bastkörbe mit ihren Produkten, fast alles Tücher und Taschen, bunt gewebt und bestickt. Ich bin noch nichtmal ausgestiegen, da startet schon der Verkauf. Es ist schwer, freundlich zu sein und mich gleichzeitig mit meiner Ankunft zu beschäftigen. Keine Ahnung, wie meine Tour hier weitergeht, das Hostel hat mir keinen Voucher, keinen Ablaufplan oder sowas mitgegeben. Etwas ratlos stehe ich also umringt von Hmong-Frauen und weiß nicht, wie ´s weitergeht. Warten ist immer eine gute Alternative und siehe da, es taucht ein Junge auf – alle sind so verdammt jung hier – er hält ein Schild mit meinem Namen drauf hoch und führt mich zu einem Mann mit Motorroller. Da solle ich jetzt bitte aufsteigen, immerhin wird noch ein Helm gereicht. Der Mann auf dem Motorroller versteht offensichtlich kein Englisch, ich sage dem Jungen, er soll ihm bitte auf Vietnamesisch sagen, dass ich Mutter bin. „Two children, you know! I Need to get back home!“ Ich habe nichtmal Zeit zu fragen, wie lange das jetzt dauert und wo überhaupt ich jetzt hingefahren werde. Der Junge lacht und sagt irgendwas, ich steige auf und wir fahren los. Immer bergab. Offensichtlich ist auch hier in den Bergen der Hanoi-Fahrstil üblich. Jeder fährt Roller. Keiner kann es. Ohne Regeln. Doch, eine Regel gibt es, das habe ich inzwischen verstanden: Du musst so oft wie möglich hupen. Das gilt auch hier in den Bergen.

Nach gemessen zwanzig, gefühlt hundert Minuten werde ich vor einen kleinen Butze abgeladen, wohlbehalten. Es gibt dort wohl essen. Mein Fahrer verschwindet. Warten ist also wieder eine gute Alternative. Es gibt verschiedene ethnische Volksgruppen in der Nähe von Sapa, ich lerne vor allem die Hmong-Frauen etwas kennen. Eine nennt sich Lilly, sie spielt mir etwas auf ihrer Maultrommel vor und zeigt ihre Waren. „Not now, later, later“, sage ich. Sie: „Promise! Promise!“ Mit lang gezogenem „ie“ Promiiiiiiiiise! Promiiiiiiiiiiiiise. Ich: „Maybe.“ Sie: „Okay! Promiiiiiiise“

Es kommt eine Gruppe angewandert, der ich wohl offensichtlich zugeordnet werde. Es gibt Lunch. Die Leute scheinen sehr nett zu sein. Marc aus Australien, Jason aus Toronto, ein älteres Paar aus Sizilien und zwei junge Männer aus Mexiko, Humberto und Enrique. Das Wetter ist fantastisch, ich bin ungeduldig und will endlich wandern. Die Tour führt uns von dem kleinen Lokal zum Homestay und ist an sich nicht besonders spektakulär. Aber die Reisfelder, die Berge, die kleinen Hütten, Bächlein und der blaue Himmel, das ist alles so wunderschön! Im Sommer sind die Reisfelder sogar richtig saftig grün, das muss sogar noch schöner sein. Wir werden begleitet von einigen Hmong-Frauen, das ist wohl so üblich. Ich treffe Lilly wieder und sie sagt: „You promiiiiise! Promiiiise!“ Hm, ja, also ein Versprechen, das bricht man ja nicht. So bin ich erzogen – zwar kann ich mich an kein Versprechen erinnern, aber dieser fordernde Blick… Na, gut, die Täschchen sind ja auch wirklich schön. Ich kaufe eine Tasche in indigoblau, wunderschön bestickt. Ich handle ein bisschen, kaufe aber trotzdem total überteuert, in Hanoi bekommt man sowas für ein Viertel. Aber egal. Es ist immer noch sehr wenig Geld für mich. Immer wieder sehen wir auch vor den Häusern Frauen, die Taschen besticken. Ihre Trachten sind auch bunt und bestickt. Das sieht wirklich toll aus, nicht alle tragen die Trachten. Ich traue mich nicht, sie zu fotografieren, vielleicht muss ich dann gleich wieder was kaufen… Die Hände einer Frau sind schwarz. Das kommt vom Färben. Indigo.

Unser Homestay hat seinen Namen wirklich verdient. Wir wohnen tatsächlich bei Lokals. Inzwischen nennen sich viele Unterkünfte Homestays, sind aber nichts weiter als Hotels oder Hostels, zum Teil sogar in Besitz von Westlern. Homestay heißt natürlich auch: Very basic. Das Haus hat eine Grundfläche von ungefähr fünfzig Quadratmetern, einen überdachten Außenbereich, von dem aus man auf die Felder blickt. Von dort betritt man den Hauptraum des Hauses mit Tisch, Feuerstelle und Küche, drei kleine Kabinen sind als Schlafräume für die Familienmitglieder abgetrennt. Mit Leitern gelangt man auf zwei Hochebenen, hier schlafen die Gäste nebeneinander auf (harten) Matten. Die Familie besteht aus zwei sehr jungen Eltern, einem ungefähr drei Jahre alten Mädchen und einem acht Monate alten Jungen, den beiden Großeltern und noch einem Jungen, der wohl ungefähr dreizehn ist. Es wird ein überragendes Essen gezaubert, wir werden zum Schnaps trinken aufgefordert und es entstehen sehr interessante Gespräche.

Am nächsten Morgen mache ich mich zum Sonnenaufgang alleine auf den Weg und sehe, wie der Nebel sich langsam vom Tal nach oben ins Nichts verabschiedet. Ich trinke in einer verlassen wirkenden Bretterbude einen herrlichen vietnamesischen Kaffee, die Tasse bekommt einen eigenen Minifilter und wird aufgegossen. Den Kaffee langsam durchtropfen zu sehnen hat etwas Meditatives. Ich sehe die Kinder aus den Dörfern in die auf einem Berg gelegene Schule hopsen. Es gibt keine Schulpflicht. Die meisten gehen nur bis sie elf sind zur Schule. Es wird früh geheiratet. Das Englisch lernen die Leute hier durch die Touristen. Die Kinder hängen dicht zusammen, sie umarmen sich, gehen Hand in Hand und streicheln sich die Köpfe, Jungs mit Jungs und Mädchen mit Mädchen. Eine Vierjährige winkt mir zu. „Hello! How are you doing!“ ruft sie. Eine Zehnjährige trägt ein Baby im Tuch auf dem Rücken.

Nach dem Frühstück wandern wir in der Gruppe und mit hundert anderen Touris durch einen matschigen Bambuswald zu einem kleinen Wasserfall und kommen schon mittags in Sapa an. Für die anderen ist die Tour hier zu Ende, die Busse fahren nachmittags los. Jason und ich haben den Nachtzug gebucht und deshalb noch Zeit, mit der neu gebauten Gondel auf den höchsten Berg, den Fan Si Pan, zu kommen. Es ist kalt dort, das Atmen fällt schwer, die Gondel ist wohl von Chinesen gebaut worden. Das ganze Arrangement will so gar nicht zu den Bergdörfern im Tal passen, ziemlich protzig. Chinesen in maßgeschneiderten Anzügen fahren bis nach oben, eine Frau trägt Highheels. Auf einem Dreitausender…. Es ist kaum etwas los, man erwartet hier wohl irgendwann noch total viele Touristen, man hat Geländer aufgebaut, damit die Schlangen geordnet für die Gondel anstehen können. Wir freuen uns, dass wir nicht warten müssen und genießen die Aussicht. Die ist wirklich bestechend. 360 Grad Rundumblick auf die Berge.

Mit dem Nachtzug fahre ich zurück nach Hanoi, Jason nimmt einen Zug vor mir. Morgen geht es weiter zur Halong Bucht.

Bye, bye Sapa! Ich komme wieder. Und bleibe länger.

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