Miriam muss zurück ins Kloster und die Wanderfreundin nach Taipeh. Ich möchte noch die Taroko-Schlucht sehen. Du trampst von da, sagt Miriam. Wir stehen ganz oben auf dem Pass, kalter Wind weht inzwischen und Miriam läuft von Auto zu Auto. Nonnen haben hier ein hohes Ansehen, nach nur fünf Minuten findet sie einen Transporter, der mich mitnimmt. Kurzer, schmerzloser Abschied von Miriam und ihrer Wanderfreundin – keine unnötigen Anhaftungen. Es geht im Auto bergab. Ich bin offensichtlich in den Urlaub einer reichen Familie geraten. Festland-Chinesen. Der taiwanesische Fahrer zeigt den Leuten vom Festland den Nationalpark. Alles vom Auto aus. Es hat sich wieder zugezogen. Der blaue Himmel als kurzes Vormittags-Intermezzo. Die beiden pubertierenden Kinder schlafen. Wenn sie nicht schlafen, spielen sie auf ihren Handys herum. Aha. Dieses Teenager-Verhalten scheint weltweit üblich zu sein. Die Mutter bietet mir aus ihrer Thermoskanne Tee mit Milch an. Die Fahrt dauert über drei Stunden. Der Fahrer erkundigt sich im Ort und lädt mich dann direkt vor der Jugendherberge in Xianchiang ab. Diese unglaubliche Hilfsbereitschaft hier! Geld darf ich ihm nicht anbieten, das wäre grob unhöflich. Wenigstens kann ich inzwischen „Danke“ auf Chinesisch sagen: Chi Chi, gesprochen: Che Che, und dann: Bye, bye. Das ist leicht. Immer viel lächeln, das öffnet hier Herzen.

Die Jugendherberge hat den Charme einer Besserungsanstalt, ist aber in dem winzigen Ort Tianxiang neben einem maßlos überteuerten Pseudo-Luxus-Schuppen die einzige Möglichkeit, in direkter Nähe der Schlucht zu übernachten. Am nächsten Morgen gehe ich früh raus zum Joggen. Immer bergauf, mal sehen, was da kommt. Ich laufe durch zwei Tunnel und entdecke einen Weg, der hinunter an den Fluss der Schlucht führt. Es ist ein Trail, der aber gesperrt ist. Steinschlag. Erdbeben und Taifune sorgen hier immer wieder für loses Gestein. Na, egal. Ich bin neugierig und spaziere über eine Hängebrücke. Unten am Fluss sehe ich Einheimische baden. Morgens um halb sieben! Ich klettere über das Absperrgitter hinunter in die Schlucht. Eine heiße Quelle! Riecht auch etwas schwefelig. Ich halte meine Beine ins Wasser. Ausziehen ist hier nicht so angesagt. Eigentlich nirgends in Taiwan. Die Nonnen sind einmal fast durchgedreht, als ich nur ins Handtuch eingewickelt aus der Dusche kam. Für meine Begriffe war alles Wesentliche verhüllt. Miriam musste Beschwerden über mich entgegennehmen. Nach einem keuschen Fußbad jogge ich wieder zurück.

Um zehn holt mich Rihang von der Jugendherberge ab. Rihang ist der Inhaber der Taroko-Lodge, die ich mir für meine nächste Übernachtung ausgesucht habe. Er hat noch vier junge Hiker&Biker im Gepäck, zwei Flugbegleiterinnen aus Holland und ein junges Pärchen mit asiatischen Wurzeln – beide aus New York. Rihang hat für jeden von uns ein Fahrrad dabei. Klapper-Mountainbikes. Meine Schaltung geht nicht. Macht aber nichts, es geht fast nur bergab. Wir können zu fünft hinunter bis ans Meer fahren. Zwischendurch besichtigen wir einen Tempel und wandern einen kurzen Trail. Danach verliere ich die Truppe bei einer Abfahrt. Egal. Es ist einfach herrlich, so alleine die Schlucht entlang zu fahren. Zum Glück regnet es nicht, der Wind saust mir um die Ohren. Die Schlucht ist toll anzusehen, mit Sonne wär´s noch schöner. Wo ich Lust habe, halte ich an und mache Fotos. Das alles geht dann doch recht schnell. Ich bin wohl zu früh in der Lodge, Rihang hat mich zusammen mit den anderen erst in ein paar Stunden erwartet.

Ich fahre also noch ein bisschen in der Gegend herum. Rihangs Homestay liegt in der Nähe des Ozeans. Das sollte schön sein, könnte man meinen. Aber es ist eine gottverlassene Gegend. Eine riesenhafte, graue Fabrikanlage überragt das Areal zwischen Taroko-Schlucht und Meer. Rihangs Homestay und sein grüner Garten liegen da wie eine Oase. Drumherum ein Landstrich aus schmalen Straßen mit ein paar verrottenden Flachdachhütten. Darin verirre ich mich wie in einem Alptraum. Zahnlose Alte sitzen auf Hockern vor ihren Häusern und wackeln mit den Köpfen. Ein herrenloser Hund hechelt mir mühsam entgegen. Er hinkt. Ich will unbedingt das Meer sehen und lasse die Siedlung irgendwie hinter mir. Aber auch dieser „Strand“ ist ein unwirklicher Ort, eine Zwischenwelt, vollkommen einsam. Rechts türmen sich die schwarzen Berge steil auf, zu ihren Füßen Küste aus Kiesel und Steinen. Die Wellen wabern wie aus Quecksilber. Wolken hängen grau und tief über meiner Stirn, das leise Sirren der Grillen als Dauergeräusch im Kopf, als würde es gleich Tinnitus und Migräne geben. Strandspaziergang. Kleine Steine knirschen, große klappern, Schritt, Schritt. Der Wind kommt von der Bergseite her, ablandig, die Wellen können sich nicht aufbäumen. Den Schaumkronen gelingt es nicht, ein helles Weiß hinzubekommen. Alles Grau hier. Licht fehlt. Stahl und Beton wäre wärmer. Ich setze mich auf einen Stein. Schicke meiner Schwester ein Bild von diesem merkwürdigen Strand. „Büsum?“, fragt sie. Ich muss lachen.

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