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Glück heißt heute: Trockener Stein. Ich wache auf und der Boden vor dem Haus ist nicht mehr überschwemmt. Kein Himmel zu sehen zwar, aber für die geplante Motorradtour von Hue nach Hoi An sollte es gut sein! Das Alleinsein reicht langsam, die Tour geht mit “Le Family Rider“, das klingt doch heimelig. Es treffen sich vier allein Reisende: eine junge Frau aus Malaysia, deren Name ich weder aussprechen, noch schreiben kann, Paul aus Australien und eine junge deutsche Frau, Katharina aus Konstanz. Das kleine Reiseunternehmen gehört Uy, seine Mutter nimmt unseres Rucksäcke ins Auto, so haben wir unterwegs kein großes Gepäck. Uys Vater stellt sich vor und die Fahrer gehören auch zur Familie, irgendwie. Den ersten Halt machen wir in einem kleinen Dorf, gleich hinter Hue. Es ist gerade Markt und außer uns überhaupt keine Touristen. Alles sei hier frisch, sagt Uy. Gänsekörper liegen gelb und frisch gerupft mit umgedrehten Hälsen auf dem Boden. Viele Frauen tragen den typischen Reishut, sitzen auf Decken und bieten ihre Waren an: Frische Kräuter, Mango, Pomelo, Drachenfrüchte. Fische zappeln noch in der Plastikschale, manche sind schon erledigt, liegen zum Verkauf bereit. Viele Hühner in winzigen Käfigen. So ist das hier. Miriam hatte vorgeschlagen, ich solle mal wenigstens eine Woche Vegetarierin sein.

Der Markt ist nur über eine kleine Brücke zu erreichen. Begeistert erzählt Uy die Geschichte der Brücke. Der Fluss ist nicht besonders breit, vier, vielleicht fünf Meter, aber man kommt nicht ans andere Ufer zum Dorf und zum Marktplatz. „Einst fuhren kleine Pendelboote von einer Seite zur anderen. Es begab sich, dass eine junge Frau aus dem Dorf hinter dem Fluss von einem Mandarin des Königs auserwählt wurde. Auf diese Weise zu Reichtum gekommen, ließ sie die Brücke bauen, um den Menschen im Dorf die Wege zu erleichtern.“ Das Ganze ist über zweihundert Jahre her, aber die Menschen huldigen die Frau immer noch. Auf der Brücke steht ein Schrein, es werden täglich frische Räucherstäbchen abgelegt. So geht hier Dankbarkeit. Und Personenkult. Im Reismuseum zeigt uns eine drahtige, kleine Greisin mit schnellem Schritt und gebücktem Körper, wie früher der Reis geerntet und verarbeitet wurde. Laut singt sie uns die alten Lieder vor, erst siebt dann stampft sie den Reis im Mörser zu Mehl.

Wir fahren weiter. Nach eineinhalb Stunden gelangen wir in ein Fischerdorf. Jeder Familie gehört ein schmales Longtailboot. Gefischt wird nur nach fünf Uhr. Wenn es dunkel wird, werden die Fische mit Licht angelockt und am nächsten Morgen sind sie frisch für den Verkauf auf dem Markt. Die Fischerfamilien haben viele Kinder. Weil ja bis fünf Uhr viel Zeit ist, sagt Uy und kichert über seinen eigenen Witz. Bestimmt hat er ihn schon über hundert Mal gemacht. Noch vor ein paar Jahren lebten die Fischer nur in ihren Booten. Teile aus amerikanischen Flugzeugwrack dienten als Dächer. Beständiges Material sei das, sagt Uy. Jetzt habe man den Familien Häuser am Ufer gebaut, sie müssen keine Mieten zahlen, man habe ihr Leben verbessern wollen. Wir streifen ein wenig umher und wagen Blicke in die Häuser. Viele Kinder, tatsächlich. Einige Wohnzimmer haben keine Möbel, Mittagessen auf dem Boden. Viel Platz – verglichen mit einem schmalen Holzboot. Ich möchte euch „real Vietnam“ zeigen, sagt Uy. Nicht nur die Touristenorte.

Unser Lunch steht passenderweise ganz im Zeichen des „seafoods“. Ein Stelzhaus am Ufer eines großen Sees, Holzbänke, wieder nur Einheimische, außer uns. Gleich am Eingang stehen Plastikschalen mit unterschiedlichsten Muscheln, über Schläuche frisch mit Sauerstoff versorgt. In Aquarien schwimmen Fische, Langusten und andere Krebstiere, alles noch lebendig, bereit für den Tisch.

Tellerweise werden uns die unterschiedlichsten Leckereien gebracht. Auch Austern, mit Erdnüssen und Kräutern zubereitet – gar nicht schlabberig. Tintenfisch, Riesengarnelen. Es ist ein Gedicht. Uy bezahlt, das Essen ist inklusive. Es geht weiter, die Überquerung des berühmten Wolkenpasses steht bevor.

Viele Kurven sind es bis hinauf bis zum Hai Van Pass, hier jetzt mit dem Rennrad rauffahren, das wäre auch toll, macht hier aber niemand. Politisch gesehen gibt es seit 1975 kein Nord- und Südvietnam mehr, wettertechnisch schon. Am Anfang der Tour, in Hue, habe ich so gefroren. Mein Fahrer hat das gesehen, angehalten und mir sofort seine Jacke gegeben. Jetzt merke ich, wie es der Sonne im Süden gelingt durch die Wolkendecke hindurch zu strahlen. Oben auf dem Pass stehend wird das noch deutlicher: Im Norden eine dichte Wolkendecke, im Süden Sonne. Der Pass war im Befreiungskrieg gegen Frankreich und im Krieg gegen die USA strategisch wichtig, drei Bunkeranlagen zeugen davon. Uy nutzt unsere Kaffeepause, um uns ein bisschen mehr über die Geschichte Nord- und Südvietnams zu erzählen. Dann geht es weiter nach Da Nang. Der Ort hat fast eine Million Einwohner und wirkt sehr modern. Wir fahren durch bis zum Strand, wo Uy noch einen Stop einlegt. Katharina und ich ziehen sofort die Schuhe aus und gehen ein bisschen barfuß im feinen, weißen Pudersand, der direkt an einer Hauptverkehrsstraße liegt. Wolkenkratzer im Rücken auf die Wellen schauend stellt sich nicht wirklich Urlaubsfeeling ein an diesem Ort. Ein paar Teenagermädchen kommen kichernd auf uns zu und stellen uns Fragen zur Stadt Da Nang. Nur wenig können wir dazu sagen. Der letzte Stop der Tour sind die Marble Mountains. Die fünf Berge sind nach fünf Elementen benannt. Metal, Wasser, Holz, Feuer und Erde. Paul, Katharina und ich klettern auf einen Berg hinauf und finden in Höhlen und Tunneln riesige Buddahstatuen. Uy wartet unten und hat jedem von uns schon ein Eis gekauft. Beim Kaffee bittet er uns, auf TripAdvisor unsere Meinung zu hinterlassen. Wir werden Facebook-Freunde. Über dreitausend habe er schon. „Five Stars, he he, Five Stars“, kichert er. Ja, wir geben natürlich alle Five Stars. Uy ist stolz darauf, die Nummer eins auf TripAdvisor zu sein. Es gebe aber ein paar Unternehmen, die sich jetzt auch Le Familiy Rider nennen würden und schlechte Touren anböten. Er habe deshalb zwei mangelhafte Bewertungen. Ob er denn heute noch nach Hause fahren müsse, fragen wir. Ja, in der Nacht geht es nach Hause, 180 km auf dem Motorrad und morgen startet die nächste Tour. So geht das jeden Tag, ohne Pause. Uy hat es auf über zweitausendsiebenhundert Five-Star-Bewertungen gebracht. Er will meinen Reiseführer sehen, Stefan Loose, Reise-know-how, da ist er jetzt auch drin. Eine echte Erfolgsgeschichte. Wird Zeit, dass er auch im Lonely Planet steht.

Die Tour endet in Hoi An bei Uys Cousine. Sie ist Schneiderin. Wir sollen uns ruhig mal umschauen in ihrem Geschäft, sagt sie, bringt allen eine Dose Tiger-Bier und drückt mir ihren Katalog in die Hand. Paul lässt sich schon mal vermessen. Die Gesellschaft verabschiedet sich, alle werden in ihre neuen Unterkünfte gebracht. Ich verabrede mich mit Katharina zum Nachtbummel durch Hoi An. Was für ein Lichtermeer aus Laternen! Was für ein wundervoller Tag. Danke, Le Family Riders! Danke, Uy!

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