Inzwischen habe ich die USA hinter mir gelassen. Die Ostroute meiner Tour hat begonnen. In Phuket Old Town sitze ich gejetlagt und gut klimaanlagengefönt auf meiner Matratze und versuche klar zu kommen mit all den Erlebnissen der letzten Wochen und Monate. Ich merke: Es geht nicht. Zu viel. Es gibt nun wenigstens noch eine kleine Anekdote aus Hawaii, bevor ich über den zweiten Teil meiner Reise berichte.

Nach dem Ironman auf Big Island geht´s nach Kauai. Eine unfassbar wilde Insel – Wasser, Wind, Wandern, Wellenreiten… Ich bin geflasht von so viel rauer Schönheit: grüne, schroffe Felsenküste, Wasserfälle, Schildkröten, Delfine, Robben… Nach fünf Tagen geht´s weiter nach Maui. Maui hält für uns gleich am Ankunftstag ein Abenteuer anderer Art bereit. Big Beach soll toll sein und wir fahren dort hin: weißer Pudersand, Palmen, ein paar Sonnenschirme und Familien mit Kühltaschen. Hier verbringen wir einen entspannten Tag am Strand und in den tosenden Wellen. Es ist Sonntag, am Strand nebenan soll man heute angeblich den Sonnenuntergang mit Trommeln und Tanz feiern. Das klingt interessant. Am späten Nachmittag packen wir unsere Rucksäcke und finden eine kleine Felsspalte. So kommt man wohl rüber zum Nachbarstrand: Little Beach. Unser Abend beginnt wie ein einfallsloser Fantasy-Plot: durch eine Felsspalte gelangen wir in ein Paralleluniversum. Eben noch am Familienstrand gewesen, spuckt und der Felsen wieder aus.

Ich höre Lachen und Trommeln, rieche Gras und Feuer. Kleiner Strand, viele Menschen. Sie sitzen auf Decken, toben in den Wellen, Bier in der Hand, Peace und Party. Keiner der Leute stört sich daran, dass wir zwei Touri-Triathleten wie Aliens dastehen, Ironman-Rucksack auf dem Rücken, Klappstühle in der Hand, Mund offen. Hier geht offenbar alles. Nackt und angezogen. Mit und ohne Behaarung. Mit und ohne Tattoo. Mit Bier und Haschkeks. Mit Wasser und Coke.

Du kannst mit und ohne Klappstuhl kommen. Auf Decken sitzen und im Sand und auf Bäumen. Als Trommler, Touri und Triathlet. Jung und alt, klein und groß, dünn und dick. Lokals, Touris, Rednecks, Hippies, Streuner, Spießer. Aber so bunt und verschieden alle sind, eins ist gemeinsam: Alle wirken wie glücklich Gestrandete. In einer anderen Welt.

Ich klappe meinen Stuhl auf, überdenke kurz meine eigene Bekleidungssituation und treffe angesichts einer geschätzten Quote von 5 Schamentblößten zu 95 Bedeckten eine Mainstream-Entscheidung. Das Paradies fragt weiter: Baden oder Beobachten? Robin läuft los und organisiert ein Bier. Ich schaue auf´s Meer und mit dem Bier kommt auch die nächste Entscheidung: Ich werde einfach nur dasitzen. Ich sehe das lustige Spiel der Menschen in den Wellen. Das Wasser färbt sich langsam orange, dann rot, dann violett und spielt noch ein paar Farben durch, die man vergeblich auf der RAL-Palette suchen würde. Das Abendrot stört sich nicht an den ungezählten Papparazis mit ihren hoffnungslosen Versuchen diese Schönheit zu verpixeln.

Ein braun gebrannter, sehniger Mann mit grünem Leuchthalsband läuft aufmerksamkeitsheischend durch die Gegend. In seiner Hand baumelt etwas, das aussieht wie riesige Ako Pads auf Schnur. Ich tippe erst auf Drogen oder so. Als die Sonne im Meer versunken ist, übernimmt der Mann die Hauptrolle am Strand. Er zündet sein Ako Pads an und schleudert es wie wild im Kreis herum. Der Propeller schlägt meterhoch Funken, ein Raunen und Staunen geht durch die Menge, der Mann strauchelt vor Aufregung, stürzt und wird von den Wellen umspült. Die Menge lacht und klatscht. Heute Abend hat hier wohl jeder seinen Rolle gefunden. Ist ja auch nicht schwer. Im Paradies.

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