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Taiwan ist an der Westküste dicht besiedelt, in der Mitte liegt das Hochgebirge mit mehreren Nationalparks, der Osten ist schroffe Felsküste mit nur drei etwas größeren Siedlungen. Es heißt, der Taroko-Nationalpark sei besonders erlebenswert, vor allem die berühmte Taroko-Schlucht. Ein Muss für Freunde des Outdoor-Sports. Nach meiner Hotel-Nacht neben dem Kloster fahre ich mit Miriam und ihrer Freundin, die immer „die Wanderfreundin“ genannt wird, ins Hochgebirge. Start um sechs. In Puli kennt Miriam eine gute Garküche, die an der Straße liegt und tolle Dampfnudeln hat. Miriam bestellt auch noch andere Leckereien für unser Wanderpicknick auf dem Berg. Ich nehme auch die Süßigkeiten mit, die mir die Museumsnonne, die Chefin des großartigen Museums in Chung Tai, geschenkt hat. Süße Reispralinen, extrem klebrig, in dreieckigen Tüten mit goldener Schleife. Die heißen Mochis. Und Mondkekse. Gebäck mit derart poetischem Namen muss ja schmecken. Die Museumsnonne hat an der Sorbonne in Paris Kunst studiert. Danach ist sie Nonne geworden und vom Meister sehr bald zur Direktorin des Museums ernannt worden. Das sei sehr ungewöhnlich, sagt Miriam, da sie diese ausländischen Einflüsse mitbringe und einen andersartigen Weg gegangen sei als die anderen Nonnen. Der Meister sei da aber seherisch gewesen, sagt Miriam. Er habe da nicht so viel Wert auf die Konventionen gelegt und einfach die geeigneten Leute angeheuert. Jetzt, da der Meister tot sei, sehe es hier etwas anders aus in Chung Tai. Ausländer haben es schwer. Miriam ist die totale Ausnahme hier. Und überhaupt ist sie eine totale Ausnahme. Nicht nur hier. „Ich bin eine Exotin“ hat sie mal gesagt. Ja. Das ist sie.

Ich spreche mit der Museumsnonne ein bisschen französisch. Sie ist auch eine außergewöhnliche Frau. Ungefähr 1,48 m klein und sehr dünn, das sieht man selbst durch die Nonnenkutte, ein echtes Energiebündel, geht energisch, im Stechschritt. Sie schenkt mir einen selbst gezeichneten Druck im Holzrahmen. Die Darstellung eines Boddhisattvas. Als sie mir das Geschenk überreicht, kommen mir die Tränen. Nicht nur eine anrührende Geste, auch ein wirklich ästhetisches Bild. Werde ich in jedem Fall aufhängen. Auch wenn es mit meinem Nirwana noch so lange hin ist.

Also wie gesagt: Brotzeit wäre aus diesen ganzen Gründen das falsche Wort für unser geplantes Berg-Picknick. Reistaschen-Mondkeks-Mochi-Zeit. Noch schnell einen Café bei Seven Eleven und dann geht´s Kurve um Kurve bergauf. Endlich habe ich hier mal Glück mit dem Wetter. Nach acht Tagen Dauerbewolkung befreit uns der Himmel vom tief hängenden, grauen Nebeldunst der letzten Zeit. Auf über 2500 Metern startet unsere Tour, Miriam und ich merken die Höhe, oder ist meine Kondition nach fünf Wochen absoluter Trainingsfreiheit komplett den Bach runter? Wir gehen langsam und genießen die großartige Aussicht. Am Ende sind wir auf über 3000 m. Das ist hier alles sehr nach meinem Geschmack. Miriam fragt immer wieder: Toll? Toll? Toll? Ja. Das ist sehr toll. Vor allem der freie Himmel über uns. Das ist sehr, sehr toll.

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