Manchmal ist es so, dass ein Ort zu dir kommt und dich an die Hand nimmt. Ungefragt stellt er sich bei dir vor und führt dich, die Fremde, zu seinen Geheimnissen.

Eigentlich wollte ich gar nicht mehr nach Hue. Hanoi, Sapa, Halong Bay, dieser Norden, das alles war so vielfältig und eindrucksvoll. Was sollte da noch groß kommen? Und dann dieses Wetter in Mittelvietnam. Ständig Regen, Wolken, Wolken, Wolken und Überschwemmung. Der Reiseführer bespricht Hue nicht gerade als „Must-see-place“. Die besten Tagen der alten Kaiserstadt seien vorbei, steht da. Warum fahre ich also nicht gleich nach Hoi An weiter? Oder fliege direkt in den sonnigen Süden? Noch auf dem Weg in meine Unterkunft klingen die Namen Na Thrang, Mui Ne und Phu Quoc wie süße Musik. Ja, das will ich: Strand, Resort & Spa, Kaltgetränk, Massage und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen! Endlich mal was lesen! Warum mache ich das eigentlich nicht? Stattdessen gurke ich im Regen durch einen abwrackten, lauten Ort, der vom Taxi aus wie ein feuchter Abklatsch von Hanoi wirkt. Hue, du wirst es sehr schwer haben mit mir! Denke ich und kriege richtig schlechte Laune.

Meine Unterkunft liegt etwas außerhalb der Stadt, es soll ruhiger dort sein, der Garten sieht auf den Bildern schön verschnörkelt aus und außerdem geht das gesamte Geld meines Aufenthalts an das neben der Anlage liegende Waisenhaus. Tam Tinh Vien Homestay. Als der Fahrer anhält, habe ich ein Déja-vue. Es ist wie auf Koh Lanta. Ich denke: Oh Gott, das darf doch nicht wahr sein. Hier soll ich länger als eine Stunde bleiben? Alleine? In den Schlaglöchern der schmalen Straße treten die Pfützen über ihre Ufer, es nieselt, hinter verrottenden Mauern stehen irgendwelche kleinen Hütten. Aber keine Menschenseele unterwegs. Ich habe mich mal wieder sehr „lokal“ eingebucht. Untouristisch. Und da habe ich jetzt gar keinen Bock mehr drauf! Der Taxifahrer schickt mich in eine sehr schmale Gasse und fährt weg. Na, toll. Grimmig versuche ich mit dem großen Rucksack über die Pfützen zu hopsen, als, schwupps, mein Rucksack weg ist. Jemand hat ihn mir behutsam vom Rücken genommen. Ich drehe mich um und blicke in ein entwaffnend herzlich lächelndes Jungengesicht. Mein freundlicher Helfer heißt Vong und gehört zum Homestay. Er führt mich in den Garten und schon ist auch Jean da, ein Franzose, Besitzer der Anlage. Ihm und seiner vietnamesischen Frau, Thuy, gehören die vier Bungalows und der Garten sowie das daneben liegende Waisenhaus. 34 Kinder leben hier. Jean arbeitet auch als Sprachlehrer in Hue. Er zeigt mir den großen Bungalow, den ich ganz für mich alleine habe, setzt sich mit mir an einen Tisch und erklärt mir genau, wie ich am besten morgen meine Tour durch die Stadt mache. Und dann zeigt er mir das Waisenhaus. Die Verbindung zwischen Bungalows und Waisenhaus ist mehr Garten als Weg. Hier wachsen Erdnüsse und Bananen. Ein kleiner Weg führt an einen Fluss, wo manchmal ein Boot anlegt. Dann kann man auf dem Wasser einen Ort weiter fahren. Zwischen Weg und Mauer wachsen Mimosen. Jean streicht über die Blätter und zeigt, wie sie sich einrollen. Es dauert über zwanzig Minuten, bis sie sich wieder entfalten. Jean erzählt, im Krieg konnten die nordvietnamesischen Soldaten daran erkennen, dass gerade amerikanische GIs den Weg entlang gegangen waren. Der Krieg heißt hier übrigens Amerikakrieg.

Wir kommen zum Haus. Davor ist ein kleiner überdachter Hof, hier sind gerade Pakete mit Kleiderspenden angekommen, die Mädchen probieren verschiedene Blusen, Röcke und Tücher, stecken sich dazu Blumen in die Haare, kichern, lachen und posen in ihren neuen Anziehsachen. In der Küche stehen zwei Frauen, die Jean die Mamas nennt. Eine lacht mir entgegen, nimmt mich sofort herzlich in den Arm und drückt mich an ihren großen Busen. Zwei kleine Hundewelpen tapsen herum, lassen sich später von Mamahund säugen. Ein Mädchen stellt sich bei mir vor. Auf Englisch. „My name is Chou Chou. I am ten years old.“ Ich soll heute Abend dann gleich mal zum Essen vorbei kommen. Essen im Waisenhaus, mit den Kindern. O.K. sehr gerne! Also weder Cocktail noch Massage heute. Und doch bin ich begeistert von der Idee, abends wiederzukommen. Es wird Reis geben, jeder bekommt ein gekochtes Ei dazu, etwas Gemüsesauce.

Bis zum Sonnenuntergang bleibt noch etwas Zeit, in der Ferne sehe ich eine Pagode in den Himmel ragen und starte meinen kleinen Spaziergang dorthin. Nebel liegt in der Luft, es ist feucht und warm, der Dunst steigt von unten nach oben und wieder von oben nach unten. Von den Pfützen in die tief hängenden Wolken und zurück. Es geht über eine Brücke, Fluss und Wege sind umrankt und überragt von üppigem Grün. Dschungel. In meinem Kopf lauern GIs im Gebüsch, waten durch die umliegenden Sümpfe. Ob hier irgendwo noch Blindgänger liegen? Die Schlacht um Hue ist fast fünfzig Jahre her.

Ich habe richtig Hunger, seit dem Frühstück nichts mehr im Magen gehabt, gehe aber davon aus, dass es hier nichts gibt. Noch während ich das denke, entdecke ich hinter einem kleinen Vorhang, ein Lädchen, ich würde es Kiosk nennen. Zwischen Bergen ungewaschener Kleidung, Dosen und Hausrat liegt eine große, durchsichtige Plastiktüte mit Keksen und große Tafeln aus kandierten Haselnüssen. Ich nehme für 10.000 Dong, das sind 30 Cent, die Haselnusstafeln. Während ich so meine Nüsse knabbere, merke ich gar nicht, dass ich schon mitten im Garten vor der Pagode bin. Ganz alleine. Eigentlich will ich nur ein Dach über dem Kopf haben, es hat schon wieder angefangen zu nieseln. Ein völlig entrückter Ort, ganz still und verwunschen. Über einen kleinen Teich, umringt von runden Steinen, führt eine schmale Brücke zur Pergola. Rosa Lotus blüht auf dem Wasser. Ein wirr verzweigter Banyanbaum überragt den Teich mit Luftwurzeln. Ich setze mich auf die Bank in der Pergola und merke, was für ein Glück ich mal wieder habe.

%d Bloggern gefällt das: