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Ich springe von Taiwan nach Vietnam, von Hauptstadt zu Hauptstadt. Von Taipeh nach Hanoi. Um es vorweg zu nehmen: Hanoi ist außergewöhnlich, aufregend, atemberaubend! Bunt und unruhig, liebenswert und laut. Chaotisch. Voller Geschichte und Geschichten! Von Sekunde eins an weiß ich: Hier bin ich ich, hier kann ich sein.

Der Übergang von einem Land ins nächste ist diesmal wie das Aufwachen aus einem merkwürdig tief sitzenden Traum. Morgens bist du wieder im Hier und Jetzt, ein bisschen verstört noch, etwas müde, aber mit Freude über die wiedergewonnene Kontrolle. Voller Tatendrang startest du in einen neuen, sonnigen Tag. Und dann merkst du, dass der Traum dich nicht loslässt, dich tagsüber weiterbegleitet.

So kommt es, dass ich auf meiner Stadttour am Ho-Chi-Minh-Mausoleum an das Kloster Chung Tai denken muss. Man sollte ja meinen, hier Unterschiede wie Tag und Nacht zu sehen. Spiritualität und buddhistische Versenkung einerseits, sozialistischer Realismus und Diesseitigkeit andererseits. Vergleiche zu ziehen, wäre sicherlich so eine Apfel-mit-Birnen-Sache, aber immerhin ist ja beides Obst. Und irgendwie fallen mir die Gemeinsamkeiten förmlich in den Schoß. An beiden Orten lebt eine gestorbene, viel verehrte Anführer-Persönlichkeit in den Hallen weiter. Mein vietnamesischer Guide in Hanoi spricht sehr sympathisch und mit überschäumender, ehrlich wirkender Verehrung. Ho Chi Minhs Leichnam liegt aufgebahrt im Mausoleum, im Sommer stehen die Leute in kilometerlangen Schlangen, warten mehrere Stunden in der prallen Sonne, um Onkel Ho im Sarg zu sehen.

Meister Weih Chueh und Präsident Ho Chi Minh. Personenkult hier und da. Beide haben ihr Leben einer Sache gewidmet, größer als sie selbst. Beide haben ihren Geburtsnamen nicht behalten, keine Familie gegründet. Beide lehnen Individualismus ab und predigen die Hinwendung zur Gemeinschaft.

Der Präsidentenpalast und das angrenzende Areal sind wunderschön. Hier hat sich die französische Kolonialherrschaft zumindest architektonisch gelohnt. Direkt hinter Präsidentenpalast und Garten liegt eine Jahrhunderte alte Pagode. Eine Pilgerstätte, genauso wie das Mausoleum. Erst denke ich, das müsste ein Widerspruch sein, eine buddhistische Pagode an diesem Ort! Dann sehe ich Noi, meinen Ho Chi Minh begeisterten Reiseführer, wie er vor der Buddhastatue niederkniet. Vollkommen selbstverständlich. Er macht´s richtig! Denke ich. Machen! Weniger denken. Denke ich. Und so lässt mich auch langsam der Traum los.

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