Rückreise von Paris nach Hannover, der ICE ist übervoll.
Ich möchte mich gerne aufregen. Wegen einer Zugverspätung haben wir den Anschlusszug in Frankfurt nur durch einen waghalsigen Sprint erreicht und schieben uns schwitzend mit ungefähr hundert anderen durch die Abteile. Ich muss ausweichen, als jemand versucht, sich und seinen Monsterkoffer an mir vorbeizuschieben. Also drehe ich meinen Körper aus dem Gang heraus und drücke meinen Rucksack mitten ins Gesicht eines Sitzenden. „Oh,Sorry!“ Entschuldigend verziehe ich meine Miene. Bestimmt ist der junge Mann jetzt sauer, denke ich. Aber er sagt nur: „Kein Ding.“ Was für ein empathischer Mensch.

Dieser empathische, junge Mann im Zug hat ein gutes Karma.
Als sich das Geschiebe in den Gängen gelegt hat, stellt sich heraus, dass unsere reservierten Plätze direkt in der Reihe vor diesem netten, jungen Mann sind. Ich setze mich und versuche zu lesen. Doch der Mann hinter mir telefoniert. Wäre er nicht so freundlich zu mir gewesen, ich hätte mich wahrscheinlich spätestens jetzt aufgeregt. Zumindest innerlich. Ich bin ohnehin schon schlecht gelaunt, die Reise ist vorbei, in Hannover wartet die Winterzeit und viel Arbeit. Aber ich verzeihe ihm. Innerlich. Weil er so gelassen reagiert hat.
Der junge Mann erzählt etwas vom Wetter draußen, hat eine Story auf Insta gemacht. „Schöner Sonnenuntergang – haste gesehen?“ Ich denke: „Wie profan diese Instagram-Stories doch sind – wer in aller Welt interessiert sich für ernsthaft für Sonnenuntergänge. Dazu muss man wissen: In den letzten Stunden habe ich selbst circa zwölf bis zwanzig unnötige Stories auf Instagram abgesondert. Und dann schaue ich aus dem Fenster. „Ja, schöner Sonnenuntergang“, denke ich und überlege, welcher Ausschnitt aus dem ICE-Abteil auf einem Instagram-Foto nicht zu kitschig aussehen würde, sondern den Kontrast zwischen dem stickig-schwülen ICE-Ambiente hier drinnen und der klar-glühenden Luft da draußen über der Frankfurter Skyline besonders gut einfangen würde und auf einmal denke ich etwas ganz anderes: Nämlich, wie ich am Main entlang meinen Marathon gelaufen bin beim Ironman, links das Wasser, rechts die Wolkenkratzer, was für ein episches Erlebnis das war und dass ich sowas vielleicht nie wieder spüre und dann werde ich sentimental.

Ich fühle mich alt und mache gar kein Foto.
Ich lausche lieber dem jugendlichen Gespräch hinter mir als meinen eigenen wirren Gedanken.
Er telefoniert mit seiner Freundin. „Bussi! Ja bist gleich: Ich freue mich auf Dich.“ Endlich weiterlesen, denke ich, doch dann fängt der junge Mann an, mit dem Nachbarn zu reden. Offensichtlich haben die beiden sich gerade kennengelernt. Er wohnt in München, aber seine Firma hat eine Außenstelle in Bremen, da fährt er jetzt hin und trifft sich mit Freunden. Der andere telefoniert zwischendurch in einer fremden Sprache, die für mich wie Russisch klingt. Er hat International Business studiert und ist jetzt Unternehmensberater. Er spricht aber nicht so. Beide klingen eher wie sehr sympathische Abiturienten.
„Kennst du Bremen?“, fragt der Mann seinen Nachbarn. Ja, da habe er ein paar Semester studiert.
„Wo kann man da so hingehen abends?“
„Schnorr-Viertel und Schlachte. Wenn du schnell steil gehen willst, dann trink einen Long Island Ice-Tea im Kangaroo Island.“
„Ich bin eher der Biertrinker.“
„Ah. Nice. Das geht auch gut an der Schlachte.“
„Wo kann man denn da gut essen?“
„Was mögt ihr denn so?“
„Ich versuche weniger Fleisch zu essen. Aber wenn ich so unterwegs bin, dann esse ich es schon.“ Dann folgen verschiedene Restaurant-Tipps mit Beispielen aus der Speisekarte.
Mir imponiert, wie weltläufig und selbstsicher die beiden ihr Gespräch führen. Ich erinnere mich daran, wie wir damals so geredet haben. Da ging es ständig darum, irgendwie trendy und cool zu sein und auf keinen Fall dem Massengeschmack zu folgen. Angst vor Kitsch gehörte übrigens auch zu diesem elitären Gehabe.

Sonnenuntergänge kann ich bis heute nur ironisch fotografieren.
Obwohl ich, wie wohl die meisten Menschen, das unerfüllbare Bedürfnis habe, dieser spirituellen Stimmung irgendwie Ausdruck zu verleihen.
Diese beiden hier sind so ganz anders. Sie ruhen in sich, scheint mir. Keiner muss dem anderen irgendetwas beweisen. Nichts wird bewertet. Ich habe das Gefühl, sie sind einfach nur sie selbst. Fertig. Ganz einfach.
Jetzt zeigt er seinem Nachbarn offenbar Handyfotos.
„Meine Freundin ist eine Mischung aus Chinesin und Japanerin. Genetisch.“
Der andere lacht. „Genetisch?“
„Ja, die Eltern sind Brasilianer. Sie leben in Rio.“
„Dann sprechen sie portugiesisch.“
„Ja, aber das ist so ähnlich wie spanisch. Spanisch kann ich. Als wir uns kennengelernt haben, hat sie Portugiesisch geschrieben und ich habe auf Spanisch geantwortet.“ Der andere lacht.
„Jetzt arbeitet sie bei einer Firma in Tirol. Da wird nur Deutsch gesprochen. Kein Englisch. Die legen da viel Wert drauf. Sie lernt das jetzt. Das ist echt hardcore, ich bin so stolz, wie sie das schafft.“ Ich glaube, der andere nickt. Ich sehe die beiden ja nicht, weiß auch nicht, wie sie aussehen.
„Jetzt lerne ich ihre Eltern kennen. Wir fliegen nach Rio.“
„Wow. Das wird bestimmt aufregend.“

Dann geht es um Zufall, Schicksal und den Lauf der Dinge.
Sie reden über Reisen ins Ausland, der andere hat ein paar Semester in den USA studiert und dann geht es darum, wie klein die Welt ist, um Zufall, Schicksal und den Lauf der Dinge.
„Mir ist da mal was echt Weirdes passiert. Ich war zur Hochzeit eingeladen nach Indonesien und genau da treffe ich zufällig einen alten Freund.“
„Wo in Indonesien warst du denn?“
„Die Hochzeit war in Jakarta. Dann haben wir Sylvester auf Bali gefeiert.“
„Wann war das?“
„Hm, ich glaube, vor drei oder vier Jahren.“
„Echt! Ich war 2018 auch Sylvester auf Bali!“
Sie reden darüber, dass sie sich vielleicht schon begegnet sind, ohne es zu wissen.
„Mir ist mal in Jerusalem etwas ähnlich Weirdes passiert. Ich gehe so um die Ecke und laufe direkt in die Arme einer Kommilitonin aus meiner Uni!“
„Ich hatte da noch so ein Erlebnis. Ich war mit ein paar Kumpels in Singapur und da treffen wir abends einen Typen, der sagt, er kommt aus einem kleinen Ort in der Nähe von Paderborn. Und ich frage ihn, welchen Ort. Da sagt der ernsthaft: Höxter. Da komme ich nämlich auch her.“
„Krass.“
„Ja. Das geht noch weiter. Ich denke natürlich so, der will mich pranken oder so. Dass meine Kumpels das eingefädelt haben, um mich zu pranken, nä! Also frage ich den, welche Döner-Imbisse der so kennt in Höxter. Da sagt der allen Ernstes zuerst den Laden, der meinen Eltern gehört!“
„Deine Eltern haben einen Döner-Laden?“
„Ja, genau. In Höxter. Das war kein Zufall, Mann.“
„Was war das für eine Sprache, in der du vorhin geredet hast?“
„Türkisch.“
„Achso. Für mich klang das eher so Ost-Europäisch.“
„Ja, die Sprachen sind verwandt.“
„Gibt ja auch turkmenisch.“
„Genau.“

Glaubst du an Karma?
Es folgt eine Pause. Dann fragt der Nachbar den Mann: „Glaubst du an Karma?“
Er: „Ja, schon. Auf jeden Fall. Aber nicht so: Du sammelst gute Taten und dann ist irgendwann Payback-time. Ich denke, einfach gute Sachen machen. Das reicht. Dann passiert Gutes.“
Und ja, dieser junge Mann hat offenbar ein gutes Karma. Weil er so entspannt reagiert hat auf die hektische Situation im Zug, war ich dann auch gar nicht sauer, dass er mich die ganze Zeit durch sein Gerede vom Lesen abgehalten hat. Im Gegenteil, er hat mich inspiriert, diesen Blogartikel zu schreiben.
Ich hätte nicht gewusst, wie ein so intensives Gespräch mit einem Fremden zu beenden wäre. Die beiden wissen es. Sie sind im Flow.
„Sag mal dein Insta.“
Sie buchstabieren sich ihre Account-Namen langsam und laut vor, dann packt der Mann aus Höxter zügig, aber nicht hektisch seine Sachen und macht sich auf den Weg.
„Bye! Nett dich kennenzulernen.“
„Ja, Mann. Genau.“
Der Mann aus Höxter hält in der einen Hand seinen Koffer, mit der anderen hebt er den Unterarm zum schnellen Gruß. Nur bis zur Hüfte, ohne den anderen noch einmal anzusehen.
Lässig, aber nicht cool.
Ganz natürlich.
Der Abschied hat Grazie.

Ich würde überall mein Karma ausstrahlen.
Ich stelle mir vor, wie es wäre, jetzt ein junger, weit gereister Mann zu sein. Am Anfang der Karriere. Überall in der Welt. Ich hätte gerade einen Menschen kennengelernt, der mir sehr ähnlich ist. Ich würde nicht in Hannover wohnen, sondern in München und jetzt würde ich nach Bremen fahren, mit ein paar Freunden an der Schlachte Spaß haben und schon sehr bald mit meiner japanisch-chinesischen Freundin nach Rio de Janeiro fliegen. Ich würde erfahren, dass die Welt gleichzeitig sehr groß und sehr klein sein kann und dann würde ich überall mein Karma ausstrahlen.
Das Leben wäre vor mir.
Doch es ist nicht mein Leben.
Es ist das Leben hinter mir.

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